Christina, Beatrix und August auf der Hammerspitze | © DAV Sektion Hameln / Christina Rasokat

Hoch hinaus im Kleinwalsertal

eine knackige Wanderwoche im Hochgebirge

04.09.2021

Wir sind wander-ausgehungert und frustriert: Corona legt gebuchte Touren lahm und die Körperfülle legt immer mehr zu. August erbarmt sich und organisiert kurzentschlossen im September eine einwöchige Wandertour im Kleinwalsertal. Selbst Gewerkschaftsfunktionär Weselsky kann uns – August, Beatrix, Uschi, Werner und mich – nicht stoppen. Dann eben keine Anreise mit der Bahn, sondern in dem wunderbar großzügigen Auto von August und Beatrix direkt zu unserer Unterkunft „Schwabenhütte“ (1.200 m) nahe Hirschegg. Berührungsängste gibt es ohnehin keine, jeder kennt jede und umgekehrt, mit allen Stärken und
Schwächen. Die Gruppe funktioniert gut – von Anfang an. Wird es mit dem Wandern auch so gut klappen? August hat uns im Vorfeld eine Liste möglicher Wandertouren im Kleinwalsertal geschickt, die gefühlt für drei Wochen und mindestens einen Luis Trenker reicht. Ich zumindest bin körperlich so schlecht vorbereitet wie auf keiner meiner Wandertouren je zuvor. Aber was soll schon passieren? Über die Leistungsfähigkeit entscheidet überwiegend die mentale Stärke, außerdem gibt es überall Lifte. Und sollte ich mal schwächeln, bleibe ich eben auf der Hütte…

Die Wirtsleute der Schwabenhütte sind freundlich und zuvorkommend, das Bier bezahlbar und die Mahlzeiten üppig. Selbst zwei Wandertouren pro Tag würden nicht die Kalorien eines Abendessens verbrauchen! Das Beste ist aber die wunderbare Lage mit herrlichen Ausblicken von der Panoramaterrasse, auf der wir morgens die Sonne die Gipfel rot färben sehen und abends unser Feierabendbier genießen. Ein genialer Ausgangspunkt für unsere Touren.

Der Berg ruft! Schon am ersten Wandertag geht es zielstrebig 1.000 Meter hoch(!) ab Außerriezlern zur Kanzelwand. Zu Fuß, versteht sich, wir wollen uns doch akklimatisieren. Ab unten geht es gleich steil nach oben durch den Wald über Wurzelwege, dann über die Riezler Alpe. Oben auf dem Plateau vor der Kanzelwand erwarten uns Massen von Wandertouristen, die mit der Kanzelwandbahn heraufgefahren sind. Entsprechend sind wir auch auf dem Gipfel
(2.058 m) nicht allein, aber haben tolle Ausblicke ins Kleinwalsertal und ins Allgäu. Wie gut war es doch, den steilen, aber einsamen Aufstieg gemacht zu haben! August möchte 
die Tour eigentlich um weitere Abstecher anreichern. Vielleicht noch weiter auf die Hammerspitze (2.170 m)? Beatrix erdet ihn - wie noch öfter in dieser Wanderwoche - mit ihren sehr guten Ortskenntnissen. Bei der Einkehr in der Innerkuhgeren Alpe (1.673 m) auf halbem Abstieg sind wir anderen froh, den ersten Tag gut gemeistert zu haben. Anstrengender  sind die anderen Touren sicher auch nicht…

Am nächsten Tag soll es auf den Hohen Ifen gehen – ein Berg, der unter den anderen besonders auffällt. Aus der Ferne betrachtet ein Latsche-Berg, mit einer sich vom Gipfel sanft nach Süden neigenden Hochfläche. Auf allen vier Seiten stürzt er mit zwar niedrigen, aber oft senkrechten Wänden ab, die sogenannte Ifenmauer. Im Gegensatz zum gestrigen Tag beginnt es hochkomfortabel mit der Anfahrt per Auto zur Auenhütte (1.275 m). Bereits um 9:00 Uhr sind wir an der dortigen Gondelbahn, die wir tatsächlich auch benutzen. Ab der Endstation Ifenhütte (1.586 m) geht der Aufstieg erst bequem, dann geröllig und schließlich über die steile Ifenmauer, der letzte Abschnitt drahtseilversichert. Was für ein aufregendes Intermezzo! Auf der Hochfläche wieder bequem zum Gipfel – oder besser: zum höchsten Punkt des Ifens auf 2.230 Metern mit genialem Rundum-Bergpanorama zur Mittagspause. 

Nach dem Gipfelglück geht es wieder runter, was ja durchaus mehr Spaß machen kann als rauf. In diesem Fall allerdings nicht. Der steile Abstieg ist über eine weite Strecke mit Drahtseilen und Tritteisen gesichert, was uns stellenweise nicht wie eine Erleichterung, sondern wie ein Hindernis vorkommt. Das Klettern und Umherbalancieren beschert uns völlig neue Bewegungsabläufe und Verrenkungen. Das geht auf Dauer nicht glimpflich ab, ein Sturz sorgt zusätzlich zu der Anstrengung für Schrecken, glücklicherweise können wir alle weitergehen. Beatrix kann sich an eine derart lange Verseilung auf dieser Tour überhaupt nicht
erinnern. Danach folgt die Querung eine langes Geröllfeldes - gefühlt ist hier der halbe Berg heruntergerutscht. Vielleicht musste der verseilte Abschnitt deshalb verlängert werden?

Irgendwann endlich, endlich erreichen wir weniger fordernde Abschnitte, die wie eine schottische Hochebene anmuten, danach wandern wir über Almwiesen mit Kühen, die den regen Durchgangsverkehr entspannt wiederkäuend betrachten. Die Schwarzwasserhütte (1.651 m) ist bereits in Sicht, aber dazwischen haben wir noch drei Tobel zu überwinden – immer wieder steil rauf und runter. Auf dieser Tour wird wirklich keine Schikane ausgelassen! Immerhin können wir uns über mangelnde Abwechslung nicht beklagen. Bei der Rast in der Hütte schaut der Ifen aus der Ferne wieder völlig harmlos zu uns herüber.

Etwas erfrischt machen wir uns auf den seeeeehr langen Rückweg und als wir endlich an unserem Startpunkt bei der Auenhütte ankommen, ist es bereits nach 18:00 Uhr. Die Gondelbahn hat den Betrieb bereits eingestellt, auf dem nahezu menschen- und autoleerem Parkplatz wartet treu das Auto von August und Beatrix auf uns. Was für eine Tour!

Es folgen mehr oder weniger ambitionierte Wanderungen zu so wohlklingenden Zielen wie Ochsenhofer Scharte und Hammerspitze, nicht jeder und jede kann alle Tage mitwandern. Neben Erkältungssymptomen bei Uschi machen sich auf Werners Füßen Blasen im ungekannten Ausmaß breit. Wie herrlich ist es doch, einen festen Standort zu haben! Jeder kann machen, was er
will. Der eine pflegt seine Füße und nimmt ein erfrischendes Ganzkörperbad in der Breitach. Die andere nutzt atemwegsschonend die Lifte, um auf halber Höhe entspannt zu wandern. Abends  freuen wir uns, wieder beieinander zu sein und schmieden Pläne für den nächsten Tag.

Für den letzten Tag nehmen wir uns vor, gemeinsam um den Widderstein zu wandern – Start- und Landepunkt direkt bei unserer Hütte. Noch einmal über 800 Höhenmeter rauf und wieder runter.  Schaffen wir das alle? August scheint das jedenfalls fest geplant zu haben, er begleitet die immer noch hustengeschüttelte Uschi fürsorglich, nur kurze Zeit nach uns anderen erreichen die beiden die Widdersteinhütte auf 2009 Metern Höhe.

Hier macht August direkt Pläne für die nächste Tour – dann soll der Gipfel des Widdersteins erklommen werden, mit vorheriger Übernachtung in der Hütte, damit es alle schaffen. Wir sind da mehr oder weniger skeptisch, aber eines ist klar – wenn, dann schaffen wir das mit August.

Ja, es stimmt: Wanderleistung ist zu einem hohen Prozentsatz mental – die restlichen Prozente gelingen mit dem richtigen Wanderführer. Danke August! Wenn du wieder eine Wanderwoche anbietest, bin ich auf jeden Fall dabei.

Christina Rasokat