27. August 2015, 7:30 Uhr morgens, am Gipfelkreuz der Dufourspitze auf 4.634m im Wallis:
Was für ein gewaltiges Panorama! Matterhorn & Co. grüßen im ersten Sonnenlicht hoch über Zermatt. Nach Süden geht der Blick scheinbar endlos weit und dort, ganz im Süden, wo die Berge schon niedriger werden, thront der Monviso als einzelne Felspyramide mächtig über dem Land. Zu Fuß durch den italienischen Alpenbogen bis auf diesen Gipfel – Die Idee ist geboren!
„Das Abenteuer hat begonnen!“ notiere ich sechs Jahre später voller Optimismus in mein Tourenbuch. Gerade gestartet will ich gleich einmal draußen übernachten. Kaum ist das Zelt aufgebaut, kommen Kühe. Penetrant neugierig wird meine Zeltplane beschnüffelt und abgeleckt, undenkbar, in dieser Gesellschaft die Stullen auszupacken. Meine Lieblingskuh (mit einem besonders hellen Glockenton) kommt auch in der Nacht noch ein paar Mal vorbei, um nach dem Rechten zu sehen.
Tourenstart
Eine Woche zuvor habe ich mich mit meinem alten Freund Toni am Nufenenpass in der Schweiz getroffen, die ersten Tage wollen wir gemeinsam angehen. Das Wetter ist – höflich formuliert – recht durchwachsen, gleich am ersten Tag werden wir nass bis auf die Haut. Ein kurzes Schönwetterfenster gibt uns anschließend Zeit genug, um einige prominente Berggipfel der Lepontinischen Alpen zu besteigen, bevor weitere Gipfelambitionen unter Mengen von Neuschnee begraben werden.
Am Simplonpass geht es für Toni zurück nach München, ich gehe allein weiter Richtung Süden. Die nächsten Wochen bleibt es erst einmal sehr einsam. Es sind kaum Menschen unterwegs, weder Tagesausflügler noch Wanderer. In den Unterkünften bin ich oft der einzige (!) Übernachtungsgast. „Weiterhin keine Anzeichen von Tourismus“ kommentiert der Wanderführer. Corona und das anhaltend schlechte Wetter seien die Gründe, sagen die Wirtsleute - „Il tempo è brutto!“. Was ich absolut bestätigen kann. Bestimmt eine Woche lang bin ich von früh bis spät im Nebel unterwegs, dazu immer wieder Regen und ständig das latente Gewitter-Risiko im Nacken (und im Kopf). Wanderstiefel und Socken sind morgens noch nass, irgendwann ist auch das egal.
Aber - wie immer - nach Regen kommt Sonne, und eines Abends sitzt eine Gruppe Schwaben in der Trattoria, eine lustige Truppe, die mich gleich adoptiert. Wir übernachten im posto tappa in der alten Schule in Talosio, das Abendessen dauert bis kurz vor Mitternacht. Endlich wieder unter Menschen!
Ultraleicht
Ein paar Tage später treffe ich Christiane aus Stuttgart, eine Weitwander-Expertin. Ausrüstung ist das Thema des Abends. Mit meinen knapp 10 Kilo Basisgewicht bin ich gar nicht schlecht aufgestellt – dachte ich, aber die Profis sind da schon anders unterwegs. Verzicht und ultraleichte Ausrüstung sind die Hebel. Dabei gilt: Mehr Verzicht bedeutet mehr Härte – eine warme Jacke ist ein schöner Luxus am Abend, und ultraleicht wird schnell ultrateuer.
1-2 Kilo weniger sollten machbar sein - beim nächsten Mal ...!
Wallfahrt in den italienischen Bergen
Im Juli bleibt das Wetter sehr unbeständig, nebelverhangen, manchmal geradezu mystisch! Das Santuario d‘Oropa in den Bergen bei Biella ist erst zu erkennen, als ich schon direkt davorstehe. Eine riesige Wallfahrtsstätte, umgeben von Wald und Bergen, monumental wie die Bauten der alten Ägypter, nur vollständig intakt und in Betrieb. Im Zentrum der Anlage die ‚Antica Basilica‘ mit der schwarzen Madonna. Drum herum rund
600 Schlafplätze für die Pilger. Absolut beeindruckend – ein wirklich spiritueller Ort!
Zwei Wochen später stehe ich vor dem nächsten wichtigen Wallfahrtsort in den italienischen Bergen: Der Rocciamelone, 3.538m, mit Kapelle und großer Madonnenstatue auf dem Gipfel. Zum Sonnenaufgang sind wir zu dritt am Gipfel und genießen die völlige Stille über den Wolken. Im Abstieg kommen uns Menschen – eine Menge Menschen – entgegen.
Viele haben Blumen dabei für die Madonna, ein Italiener schleppt sogar sein Rennrad
hinauf – und anschließend wieder hinunter!
Ich bin in Susa angekommen, Halbzeit! Ein paar Tage Pause sind dringend nötig. Viel essen, viel schlafen, Wäsche waschen, Ausrüstung reduzieren, Füße hochlegen. Tut das gut nach fünf Wochen unterwegs. Schon bald geht es weiter Richtung Süden!
Nach 48 Tagen stehe ich endlich am Fuße des Monviso. Respekteinflößende 3.841 Meter hoch überragt er alle umliegenden Berge um über 500 Meter - und das in unmittelbarer Nähe zur Po-Ebene. „Re di pietra“ (König aus Stein) nennen die Italiener diesen Berg. Ein lokaler Guide ist organisiert, und Helmuth, mit dem ich schon einige Tage zusammen gelaufen bin, ist ebenfalls mit dabei. Wir sind nervös, morgen früh um 4:00 Uhr starten wir, hoffentlich klappt alles!
Ja, es klappt! Nach fünf Stunden erreichen wir den Gipfel, der Wettlauf mit den Wolken ist gewonnen. Der Blick geht zurück Richtung Schweiz. Der ganze Weg von dort liegt schon hinter mir, jetzt will ich es schaffen bis zum Meer!
Doch in den Seealpen verändert sich alles, zunächst kaum bemerkbar, dann immer stärker. Ich bin wieder allein unterwegs, lasse mich völlig ungestört durch den Tag und die Berge treiben, hänge tagelang meinen eigenen Gedanken nach und falle in einen fast meditativen Wander-Rhythmus. Der lange Marsch, dazu kühles, sonniges, spätsommerliches Wetter und eine für meinen Geschmack außergewöhnlich schöne Landschaft sind das passende Beiwerk. Gehzeiten, Höhenmeter, Gipfelziele, das Meer erreichen – das alles ist plötzlich nicht mehr wichtig! Ich nehme morgens meinen Rucksack, gehe los und bin einige Male ziemlich erstaunt, als ich plötzlich am
nächsten Pass oder vor dem nächsten Rifugio stehe. Ich hatte wohl schon darüber gelesen, dass eine solche meditative Ruhe möglich ist, konnte mir das aber ehrlicherweise nie wirklich vorstellen. Eine interessante neue Erfahrung - nach so vielen Tagen unterwegs.
Die Abenteuer der letzten Tage
So kann es weitergehen auf den letzten Etappen durch die Ligurischen Alpen. Entspanntes Auslaufen, zuletzt mit Meerblick, so etwa hatte ich mir das vorgestellt. Doch dann kommt Leila und alles kommt anders. Am drittletzten Tag erwischt uns ein Starkregen, wie ich ihn selten zuvor erlebt habe. Alles ist klatschnass, abends sitze ich in langer Unterhose im Speisesaal. Nichts trocknet über Nacht, der Rucksack verwandelt sich am nächsten Tag in ein Biotop. Mit Enrico und Christina spielen wir Scopa (italienisches Kartenspiel, Anm. d. Red.) bis tief in die Nacht, es wird gemogelt, dass sich die Balken biegen. Am folgenden Abend ist die Unterkunft geschlossen, nach langem Abstieg ins Tal suchen wir in der Dunkelheit einen Schlafplatz am Flussufer. Lange liege ich wach in der Nacht, schaue in die Sterne und denke an die vielen schönen Momente, die ich in den letzten Monaten erlebt habe. Morgen erreichen wir das Meer. Wehmut überkommt mich. Eine Rotte Wildschweine rennt grunzend vorbei, keine fünf Meter entfernt.
Das Meer! Strahlend blau liegt es vor uns, verlockend. Die Boote auf dem Meer, sogar die Palmen am Strand sind bereits gut zu erkennen. Vielleicht noch eine Stunde hinab durch die Macchia, dann werden wir am Strand stehen. Die Schritte werden langsamer – ich will nicht ankommen.
Mir kommen die vielen Menschen, die ich unterwegs getroffen habe, in den Sinn. Interessante Reisegefährten aus vielen Nationen, aus allen Altersgruppen, mit spannenden gemeinsamen Abenteuern, gegenseitiger Hilfe und vielen schönen Abenden. Ob Jakobsweg nach Santiago de Compostela, Garden Route in Südafrika, Backpacking in Thailand oder Weitwandern in den Alpen: Die Begegnungen – das wird mir klar – sind das Besondere auf so einer Tour! Ich habe das Ganze als Projekt gestartet und als Reise beendet. Das hatte ich so nicht erwartet.
Bericht: Gerd Kappes
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