Klettersteigbegehung


Die Begehung von Klettersteigen nimmt eine Mittelstellung zwischen den Disziplinen Bergwandern und Klettern ein. Dementsprechend sind Jahr für Jahr vergleichsweise viele Alpinisten auf den unzähligen Klettersteigen der Alpen anzutreffen. Das Bild der massiven Stahlleitern und Drahtseilsicherungen vermittelt ihnen leicht den Eindruck der vollkommenen Sicherheit. Dieser Schein trügt jedoch: Auch auf Klettersteigen ist der Bergsteiger den Gesetzen der Hochgebirgsnatur und der Schwerkraft unterworfen. Bei der Begehung von Klettersteigen lauern zum Teil sogar erheblich größere Gefahren als beim Klettern.

Zur Ausrüstung des Klettersteiggehers gehört neben der zweckmäßigen Bekleidung (mögliche Schlechtwettereinbrüche beachten!) ein Brust- und Sitzgurt, ein Helm, 2 Klettersteigkarabiner mit selbsttätiger Verschlußsicherung und ein Seilstück (Keine Reepschnur!), welches zur Verbindung von Karabinern und Gurt dient. Die verwendeten Ausrüstungsgegenstände sollten normgerecht sein.




Für die Begehung von Klettersteigen gilt der Grundsatz, daß ein Sturz mit allen Mitteln zu vermeiden ist, in noch stärkerem Maße als beim alpinen Klettern. Dies liegt erstens an dem erhöhten Verletzungsrisiko aufgrund der vielen Hindernisse (Drahtseilverankerungen, Leitersprossen, ...). Zweitens ist die Sturzbelastung der Sicherungskette insbesondere bei senkrechtem oder diagonalem Drahtseil-verlauf besonders groß. Sie kann aufgrund des hohen Sturzfaktors das 25-fache! des Körper-gewichtes (ca. 20 KN) erreichen. Der Sturzfaktor ergibt sich aus dem Verhältnis von Fallhöhe zu ausgegebenem Seil:

SF= Fallhöhe :  ausgegebene Seillänge

Beim alpinen Klettern in der Seilschaft beträgt der größtmögliche Sturzfaktor 2, da ein Kletterer - vorausgesetzt der Standplatz hält - maximal die doppelte Länge des ausgegebenen Seiles stürzen kann. Dies gilt auch nur dann, wenn keine Zwischensicherungen angebracht sind oder diese ausbrechen. Auf Klettersteigen ist der Abstand zwischen den Drahtseilverankerungspunkten auf senkrechten Passagen häufig auf bis zu 5 m bemessen, so daß sich z.B. bei einer Seilstücklänge von einem Meter eine Fallhöhe von 6 m ergibt. Der Sturzfaktor beträgt in diesem Beispiel also 6 : 1 = 6. Ein solch hoher Sturzfaktor kann zum Bruch eines Gliedes der Sicherungskette führen oder das körperverträgliche Maß übersteigen.




Deshalb ist die Verwendung einer Klettersteigbremse (auch Falldämpfer genannt) in jedem Fall unerläßlich.
Falldämpfer werden mittlerweile von verschiedenen Herstellern inklusive eingefädeltem Seilstück geliefert. Ein solch komplett geliefertes System ist vorzuziehen, da dies die Gefahr der falschen Einfädelung des Seilstückes in die Bremse bzw. der falschen Abstimmung zwischen Bohrung und Seildurchmesser und somit des Versagens der Bremse ausschließt. Bei den beiden markt-üblichen Systemen ist zwischen der V-Form und der Y-Form zu unterscheiden.
Die Y-Form erlaubt dem Bergsteiger, beide Seilenden zugleich in die Drahtseilsicherungen einzuhängen.


Findet die V-Form Verwendung, so darf nur ein Seilende eingehängt werden, da das Bremssystem sonst nicht wirken kann (kein Seildurchlauf und somit keine dynamische Wirkung möglich). Nur beim Umhängen an den Drahtseilverankerungen dürfen beide Stränge eingehängt sein, damit, wie weiter unten im Text dargestellt, eine jederzeitige Selbstsicherung gewährleistet ist.
In jedem Fall muß der Klettersteiggeher die technischen Hinweise des jeweiligen Herstellers beachten.





Damit eine jederzeitige Selbstsicherung des Bergsteigers gewährleistet ist, muß er beim Umhängen an den Drahtseilverankerungen bzw. an den Übergängen von Drahtseil zur Leiter oder umgekehrt zunächst ein Seilende in den folgenden Abschnitt einhängen. Erst danach darf er das andere Seilende lösen.

Des weiteren sollten die Begeher von Klettersteigen stets einen hinreichenden Abstand zum Vorauskletternden einhalten (immer nur eine Person im jeweiligen Drahtseilabschnitt), da sonst das Risiko besteht, von einem stürzenden Vorgänger mitgerissen zu werden.

Bei Gewittern sind Klettersteige unbedingt zu meiden bzw. sofort zu verlassen, da diese zu riesigen Blitzableitern werden können und ein Aufenthalt in ihrer unmittelbaren Nähe dann höchste Lebensgefahr bedeutet.

Vor der ersten selbständigen Klettersteigbegehung sei jedem Bergsteiger empfohlen, sich die nötigen praktischen Fertigkeiten in einem Ausbildungskurs, wie er von den meisten AV-Sektionen angeboten wird, anzueignen.


Deutscher Alpenverein Sektion Hameln
Fuhlenbreite 8
31789 Hameln

Telefon 05151-9964723
info@dav-hameln.de


sponsored by