Begehung von Gletschern


Bei nahezu jeder alpinen Spielart kann es einmal vorkommen, dass der Bergsteiger auf seinen Touren einen Gletscher betreten muß - sei es planmäßig oder unvorhergesehen. Die einem Laien vielleicht harmlos erscheinende Masse aus Eis und Schnee birgt jedoch Gefahren, die häufig unterschätzt oder ignoriert werden. Folgende Beispiele sollen dies verdeutlichen:

- Ein im alpinen Gelände unerfahrener Snowboarder verlässt die gesicherte Gletscherpiste, um sich außerhalb des markierten Bereichs im unberührten Tiefschnee zu vergnügen. Er stürzt wenige Meter neben der Piste in eine 20 m tiefe Gletscherspalte und zieht sich dabei tödliche Kopfverletzungen zu.

- Auf einer Hüttentour muß ein Bergwanderer einen 300 m breiten, schneebedeckten Gletscher überqueren. Dabei stürzt er in eine Spalte. Sein Sturz wird nach 6 Metern von einer Schneebrücke gebremst. Er zieht sich lediglich leichte Verletzungen zu, kann sich aus der Spalte aber nicht befreien. Niemand erhört seine Hilferufe. Nach zwei qualvollen Tagen stirbt er an Unterkühlung.

Obwohl solche oder ähnliche Unfälle keine seltenen Einzelfälle sind, sollten wir sie trotzdem nicht zum Anlaß nehmen, den Sinn und Zweck des Bergsportes in Frage zu stellen. Mit dem entsprechenden Wissen, der nötigen Erfahrung und der richtigen Ausrüstung läßt sich das Risiko bei der Begehung oder Befahrung von Gletschern nämlich erheblich reduzieren. Der hiermit vorliegende Beitrag soll dem Leser einen kurzen Einblick in die Materie Gletscher geben und die wesentlichen, mit einer Glet-scherbegehung verbundenen Risiken vor Augen führen. Die notwendigen praktischen Fähigkeiten im Umgang mit der Ausrüstung kann er aber ebenso wenig ersetzen wie alpine Erfahrung.

Kleine Gletscherkunde
Niederschläge fallen oberhalb der Schneegrenze (in den Ostalpen ca. 2800m, in den Westalpen ca. 3500m) überwiegend als Schnee. Aufgrund von Temperatureinflüssen und Druck erfolgt eine Umwandlung des Schnees über Firn und Firneis zu Gletschereis. Gletschereis verhält sich unter Druck elastisch. Außerdem entsteht durch Druck Wärme. Diese und die von der Erde abgestrahlte Wärme führen zu einem Auftauen der Gletschersohle. Dadurch entsteht eine gleitfördernde Schmierschicht.Aufgrund des Hangabtriebs und des Gewichts der nachdrückenden Eismasse setzt sich das Eis auf der Schmierschicht in Bewegung. Die Fließbewegung des Gletschers ist aber äußerst langsam. Dabei fließt der Gletscher in der Mitte schneller als an den Rändern, die Oberfläche fließt schneller als die Sohle. Aufgrund dieser unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten sowie Unebenheiten des Untergrundes treten Zugspannungen auf, welche zum Aufreißen der Gletscheroberfläche führen. Dadurch entstehen Gletscherspalten, die auf den Alpengletschern durchaus eine Tiefe von 30-40 m aufweisen können. An Geländekanten, d.h. dort, wo der Gletscher steiler wird, entstehen Querspalten. Längsspalten entstehen, wenn sich die Eismasse über in Fließrichtung verlaufende Rippen bewegt oder beim Übergang von engen zu breiten Stellen. Fließt das Eis über einen Höcker, so bilden sich Kreuzspalten.Während der Sommermonate schmilzt die Schneeauflage des Gletschers ab. Im Spätsommer ist der Gletscher bis zur sogenannten Firngrenze ausgeapert, so dass blankes Eis zum Vorschein tritt. Da der Bereich oberhalb der Firngrenze das ganze Jahr mit Schnee bedeckt ist, wird er als Nährgebiet bezeichnet. Die Fläche unterhalb der Firngrenze heiß Zehrgebiet. Die Firngrenze liegt immer unterhalb der Schneegrenze und kann von Jahr zu Jahr um 100 - 200 Höhenmeter schwanken.Allgemeine Gefahren

Ausrüstung/ Gefahren
Gletscher sind oft von steileren Eis- oder Felsregionen umgeben. Deshalb besteht auch auf flachen Gletschern die Gefahr, von Schnee-, Eis- oder gar Steinlawinen, die sich aus den, steileren Regionen lösen, erfasst zu werden. Eislawinen entstehen durch den Abbruch (das sog. Kalben) von Hängegletschern. Gefährdeten Zonen sollten wir möglichst großflächig ausweichen. Wie bereits oben geschildert, befinden sich Gletscher in Höhenlagen, in denen auch in der warmen Jahreszeit der Niederschlag als Schnee fällt. Entgegen einer vielfach verbreiteten Auffassung kann im Sommer ebenfalls Schneelawinengefahr bestehen. Besondere Vorsicht ist bei großen Neuschneefällen und/oder Windverfrachtungen geboten. Erkundigungen bei Fachkundigen (z.B. Bergführern, FÜL, Hüttenwirten) können dem in der Lawinenkunde unerfahrenen Bergsteiger wertvolle Informationen liefern.

Gletschersümpfen und -bächen sollten wir uns mit Vorsicht nähern, da sie überraschend tief sein können und ihr Wasser äußerst kalt ist. Auch von Gletschertischen geht eine Gefahr aus, denn diese auf einer Eisunterlage liegenden Steine können abgleiten und den Bergsteiger unter sich begraben.

Gletscherbrüche, d.h. die Zonen, wo der Gletscher von flachem in sehr steiles Gelände über-geht, bestehen aus einem Labyrinth aus Spalten und Eistürmen (Seraks). Da Seraks einstürzen können, bedeutet ein Aufenthalt in ihrer unmittelbaren Nähe Lebensgefahr. Wer sich in einen Gletscherbruch begibt, sollte bedenken, dass die Orientierung in diesem Terrain sehr schwer sein kann und das Fortkommen erheblich verlangsamt.

Auf Gletschern ist die von der Sonneneinstrahlung ausgehende Gefahr (Sonnenbrand, Hitzschlag, ...) aufgrund der Reflektion durch Eis und Schnee wesentlich größer. Wir müssen die erhöhte Schutzbedürftigkeit unserer Haut beachten und den Körper vor der Sonne schützen (Kopfbedeckung nicht vergessen!). Dies gilt in besonderem Maße, wenn wir uns längere Zeit auf dem Gletscher bewegen. Auch das Tragen einer Sonnenbrille (Gletscherbrille) ist unbedingt erforderlich, da sonst die Gefahr besteht, schneeblind zu werden. Die Wahl der Kleidung hängt natürlich von der Temperatur ab. Wenn wir uns bei schönem Wetter verhältnismäßig leicht kleiden (mögliche Spaltenstürze bedenken: in der Spalte herrschen Minustemperaturen, der Temperaturunterschied ist bei warmem Wetter besonders groß, und es kann schnell zu Unterkühlung kommen!), gehört in jedem Fall warme Bekleidung sowie Überbekleidung in den Rucksack, da es bei Wetterverschlechterung sehr kalt werden kann. Handschuhe sollten wir immer anziehen.

Auf weiten Gletscherflächen ist die Orientierung bei Nebel oder Schlechtwetter äußerst problematisch. Bei unsicherem Wetter sollte der Bergsteiger solche Flächen meiden. Befindet er sich bereits in einem solchen Gebiet und kündigt sich eine Sichteinschränkung an, so muß er sofort seinen Standort bestimmen und sich darauf einrichten, den Rest seines Weges ausschließlich mit Hilfe von Höhenmesser, Kompaß und Karte zu finden.

Die Begehung alperer Gletscher
Apere Gletscher, d.h. solche ohne Schneeauflage, können wir unangeseilt begehen, da die Gletscherspalten erkennbar sind. Steigeisen müssen wir anlegen, es sei denn die Oberfläche ist so rau, dass sie ein sicheres Fortkommen ermöglicht. Ein Pickel kann als Stützhilfe nützlich sein. Das Tragen von Handschuhen ist auch auf aperen Gletschern unentbehrlich, da das Eis häufig sehr scharfkantig ist und es bei einem Sturz oder beim Hantieren nahe der Eisoberfläche zu Fingerverletzungen kommen kann.

Die Begehung schneebedeckter Gletscher
Auf schneebedeckten Gletschern sind die meisten Gletscherspalten nicht zu erkennen. Ein Spaltensturz ist also nie ganz auszuschließen. Wer nicht lebensmüde ist, sollte sich auf einem schneebedeckten Gletscher immer anseilen. Eine Alleinbegehung ist deshalb tabu! Das Anseilen erfolgt mit Sitz- und Brustgurt. Das Seil wird nicht direkt eingebunden, sondern mit einem Sackstich oder Achterknoten in einen Schraubkarabiner eingehängt. Es empfiehlt sich, ein Einfach- oder Halbseil zu verwenden, da nur diese beiden Arten im Einfachstrang verwendet werden dürfen.

Ein Halbseil ist zwar leichter als ein Einfachseil, darf aber beim Klettern nicht im Vorstieg als Einzelstrang verwendet werden. Wenn wir also den Gletscher nur begehen, um uns anschließend im Fels zu bewegen, müssen wir entweder ein Einfachseil benutzen oder für die Felsetappe ein zweites Halbseil im Rucksack mitfahren.

Anseilen der 2-er Seilschaft
Eine 2-er Seilschaft hat besonders im abschüssigen Gelände die geringsten Chancen, einen Spaltensturz zu halten. Der Abstand zwischen den beiden Alpinisten beträgt hier deshalb 12 in. Als Bremshilfe sollten wir in der Mitte des Seiles 5 Knoten im Abstand von 1,5 in anbringen. D.h. der erste Knoten befindet sich 3 in vom Kletterer entfernt. So geben wir dem Seil die Möglichkeit, sich am Spaltenrand einzuschneiden, damit die Knoten anschließend als Bremse wirken können.

Bei der 3-er, 4-er und 5-er Seilschaft beträgt der Abstand zwischen den Seilschaftsmitgliedern ca. 8-10 in. Das Anbringen von Knoten ist nicht mehr nötig. Besteht die Gruppe aus mehr als 5 Personen, so bilden wir mehrere Seilschaften mit jeweils mindestens 3 Mitgliedern.
Das Anseilen erfolgt immer von der Mitte des Seiles aus, so dass jeweils das erste und letzte Seilschaftsmitglied die gleiche Länge an Restseil verstauen muß (man weiß ja nicht, wer in die Spalte fällt). Bei der 5er Seilschaft ist das Restseil für eine Spaltenbergung zu kurz. Dies ist jedoch ohne Bedeutung, da genug Personen für die Bergung per Mannschaftszug zur Verfügung stehen.

Die Verwendung eines Eispickels ist unverzichtbar, weil wir ihn bei der Spaltenbergung (T-Anker) benötigen. Außerdem gehört eine Eisschraube griffbereit an den Sitzgurt, damit wir auch bei geringer Schneeauflage im harten Eis einen Fixpunkt schaffen können. Schließlich sollten wir zur Selbst- bzw. Kameradenrettung eine Bandschlinge, zwei Prusikschlingen (Nutzlänge: Ix körperlang, Ix halbe Körperlänge) sowie mindestens 2 weitere Schraubkarabiner mitführen. Zur Aneignung der praktischen Fertigkeiten im Umgang mit der Ausrüstung, insbesondere der Durchführung einer Spaltenbergung, ist der Besuch eines im Gletschergelände durchgeführten Eiskurses empfehlenswert.

Alpine Geländebeobachtung kann wertvolle Informationen über das Vorkommen von Gletscherspalten liefern (siehe oben). Eine dunklere, bläuliche Färbung des Schnees lässt ebenfalls auf eine Spalte schließen. Auch den Pickel kann der Alpinist zum Sondieren nach Spalten verwenden. Damit das Sondieren nicht zu ermüdend ist, empfiehlt sich, bei der Auswahl des Pickels auf eine hinreichende Schaftlänge zu achten. Besteht akute Spaltensturzgefahr, so ist das Seil möglichst straff zu halten. Der Seilschaftserste warnt die übrigen Mitglieder, wenn er eine Spalte vermutet. Spalten passiert der Bergsteiger grundsätzlich in Querrichtung, damit sich nur eine Person im Gefahrenbereich befindet. Bei sehr breiten Spalten ist dies nicht immer möglich. Notfalls müssen wir die Spalte umgehen. Im Laufe des Tages steigt die Spaltensturzgefahr, da die Temperatur ansteigt und die Schneedecke aufweicht.

Bei der Skibegehung bzw. -befahrung von Gletschern verteilt sich die Last des Bergsteigers auf eine größere Fläche, was die Gefahr eines Spaltensturzes mindert. Da die Skibefahrung meist zudem in einer Jahreszeit erfolgt, in der die Temperaturen niedrig sind bzw. eine große Schneeauflage die Gletscher bedeckt, kann der Skibergsteiger durchaus gefahrlos ohne Seil gehen. Wie oben im Beispiel gezeigt, gilt dies jedoch nicht immer. Besteht der geringste Zweifel an der Tragfähigkeit der Schneedecke, müssen wir uns anseilen. Dies gilt auch für die Abfahrt! Häufig sehen wir Alpinisten, die gegen die oben dargelegten Verhaltensregeln verstoßen. In bestimmten Fällen ist dies durchaus vertretbar. So verhält es sich beispielsweise, wenn ein erfahrener Alpinist auf einem ihm gut bekannten Gletscher trotz Schneeauflage auf das Seil verzichtet. In den meisten Fällen basiert ein solches Verhalten jedoch auf Unkenntnis oder Leichtsinn. Man sieht immer wieder Bergsteiger, die Sicherheitsgrundsätze missachten. Viele von ihnen gelten in Bekanntenkreisen als erfahrene Alpinisten, da sie schon jahrelang am Berg unterwegs sind und nie einen schweren Unfall erlitten haben. In Wirklichkeit haben sie nur Glück gehabt. Auf Glück allein sollten wir uns beim Bergsteigen jedoch nicht verlassen.


Deutscher Alpenverein Sektion Hameln
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