Begehung alpiner Kletterrouten


Neben dem Klettern in den Klettergärten der Mittelgebirge erfreut sich auch die Begehung alpiner Kletterrouten zunehmender Beliebtheit. In alpinen Routen müssen Sicherungspunkte selbst angebracht werden oder vorhandene auf ihre Haltekraft beurteilt werden. Dies setzt nicht nur theoretisches Wissen sondern auch Erfahrung und Übung voraus. Im folgenden wird ein Überblick über Ausrüstung und Sicherungstechnik beim alpinen Felsklettern gegeben sowie wesentliche kritische Bereiche aufgedeckt.
Dieser Aufsatz kann in dem vorliegenden Umfang keinen Anspruch auf vollumfängliche Information erheben. Er soll dem interessierten Leser vielmehr einen Überblick über die Ausrüstung und Sicherungstechnik beim alpinen Felsklettern geben und wesentliche kritische Bereiche aufdecken.

Kleidung
Die Kleidung muss den Gegebenheiten der jeweiligen Tour, der Jahreszeit, dem zu erwartenden Wetter sowie den individuellen Empfindungen des Kletterers angepasst sein. Begibt man sich im Sommer bei hohen Temperaturen auf eine lange Tour, so gehört für den Notfall stets warme Bekleidung (Handschuhe nicht vergessen!) und wasser- sowie windundurchlässige Überbekleidung in den Rucksack. Mögen solche Vorsichtsmassnahmen in manchen Kreisen auch belächelt sein, Unglücksfälle wie z.B. die Badile-Tragödie rechtfertigen diese Massnahmen in jedem Fall.

Auch wenn die Kletterei selbst wohl in den meisten Fällen mit leichten Reibungskletterschuhen durchgeführt wird, verlangen die Verhältnisse des Zu- und Abstiegs häufig die Verwendung von Bergschuhen mit Profilsohle. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn Schneefelder zu überqueren sind. Gegebenenfalls müssen sich auch Pickel und Steigeisen im Rucksack befinden (z.B. bei hartgefrorenen Firnfeldern). Festes Schuhwerk kann auch im Falle eines Wettersturzes lebensrettend sein.

Beim Klettern gehört in jedem Fall ein Helm auf den Kopf. Dieser schützt nicht nur vor Steinschlag sondern auch vor Verletzungen als Folge eines Sturzes.

Sicherungstechnik und Hardware
Das Anseilen beim Klettern erfolgt grundsätzlich mit Hüftsitz- und Brustgurt. Dabei wird das Seil direkt in den Anseilpunkt eingebunden. Als Anseilkonten dient der Sackstich oder Achterknoten. Die Sicherung erfolgt von Standplatz zu Standplatz. Ein gleichzeitiges Klettern am langen oder kurzen Seil ist auf Grund der Mitreißgefahr nicht anzuraten. Manchmal ist es in Anbetracht der Länge einer Route aber nicht möglich, während der gesamten Tour zu sichern. Will man eine lange Route in angemessener Zeit durchsteigen und somit andere Gefahren (z.B. Gefahr der Wetterverschlechterung) reduzieren, müssen die leichteren Abschnitte zwar gleichzeitig geklettert werden, jedoch sollte die Seilverbindung zwischen den Kletterern gelöst werden, so dass im Falle eines Sturzes nicht die gesamte Seilschaft aus dem Fels gerissen wird (Minimierung des Schadens). Auf eine Sicherung darf nur dann verzichtet werden, wenn kein Zweifel besteht, dass alle Kletterer die Schwierigkeiten beherrschen. Anderenfalls ist es besser, eine leichtere bzw. kürzere Route zu wählen.

Am Standplatz benötigen wir mindestens 2 Fixpunkte. Es sei denn, es sind Bohrhaken vorhanden, die eine hinreichende Festigkeit aufweisen, oder es lassen sich Schlingen um große Felsköpfe oder -blöcke legen. Man muss jedoch beachten, dass nicht alle Bohrhaken die nötige Festigkeit aufweisen. Es gibt Bohrhaken, die schon seit Jahrzehnten im Fels stecken, und an denen die Korrosion bereits kräftig genagt hat. Selbst wenn das Material aus rostfreiem Metall besteht, so kann die Erosion des Felses um den Bohrhaken herum die Haltekraft bereits erheblich herabgesetzt haben. Lediglich bei neueren, korrosionsfreien Klebehaken oder einzementierten Haken kann der Kletterer mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass ein Bohrhaken allein eine hinreichende Festigkeit besitzt.


Neben Bohrhaken und Block- bzw. Kopfschlingen kommt der Einsatz von Klemmkeilen, Klemmgeräten und Normalhaken in Betracht. Als Klemmkeile sind Wallnuts auf Grund ihrer doppelkonischen Bananenform (bessere Anpassung an den Fels!) sehr empfehlenswert. Bei den Klemmgeräten sollten Friends mit doppelter Achse (höhere Bruchfestigkeit!) bevorzugt werden. Die Wahl der Normalhaken richtet sich nach der Gesteinsart. Für weiche Gesteine (z.B. Kalk) verwendet man Weichstahlhaken, für harte Gesteine (z.B. Gneis, Granit) Hartstahlhaken. Der Form nach sind Drehmomenthaken am universellsten einsetzbar.
Wie bereits oben erwähnt, benötigen wir beim Einsatz dieser Sicherungsmittel zum Standplatzbau mindestens 2 Fixpunkte. Sie werden sofern sie von annähernd gleicher Festigkeit sind- mit einer Bandschlinge zu einer Ausgleichsverankerung (Kräftedreieck) verbunden. Damit die Belastung auf beide Fixpunkte gleichmäßig verteilt ist, sollte der Winkel, in den der Zentralkarabiner eingehängt wird, möglichst klein sein. Ist die Festigkeit der beiden Fixpunkte zweifelhaft, so müssen weitere geschaffen und in die Ausgleichsverankerung eingebaut werden.Da Klemmkeile, Klemmgeräte sowie Block- oder Kopfschlingen i.d.R. nur in eine Richtung belastbar sind, müssen wir sie am Standplatz mit Hilfe einer Reepschnur und mindestens eines weiteren Fixpunktes entgegen dieser Richtung absichern.

Haben die von uns geschaffenen Fixpunkte eine unterschiedliche Haltekraft, so müssen wir sie in Form einer Reihenschaltung miteinander verbinden.
Zur Selbstsicherung am Standplatz hängt der Kletterer das an seinem Klettergurt eingebundene Seil mit einem Mastwurf in den Zentralkarabiner (im Fall der Ausgleichsverankerung) oder in einen Karabiner im Fixpunkt (im Fall der Reihenschaltung bzw. der ausnahmsweisen Benutzung nur eines Fixpunktes) ein. Als Kameradensicherung sollte grundsätzlich die Halbmastwurfsicherung (HMS) Verwendung finden, da sie einfach zu bedienen ist und die wenigsten Fehlerquellen aufweist. Dazu wird ein HMS-Karabiner in den Zentralpunkt (Ausgleichsverankerung) bzw. in einen Fixpunkt eingehängt.

Bei der Selbstsicherung über den Zentralpunkt einer Ausgleichsverankerung kann es jedoch vorkommen, dass er Sichernde im Falle eines Sturzzuges von der umschlagenden Ausgleichsverankerung an die Wand gezogen wird. Dies kann zu Verletzungen oder gar zum Auslassen des Bremsseiles führen. Es empfiehlt sich daher, das Kräftedreieck nach unten abzusichern oder die Selbstsicherung nicht in den Zentralpunkt sondern in einen einzelnen Fixpunkt zu hängen.

Neben der hier vorgestellten klassischen Fixpunkt- und Zentralpunktsicherung mittels HMS sind in der Praxis schon seit langem andere Sicherungsmethoden (z.B. die uns vom Sportklettern bekannte Körpersicherung) sowie Bremstechniken (z.B. Achter, Tube) zu beobachten. Diese eignen sich unter bestimmten Voraussetzungen und in bestimmten Situationen auch für das alpine Klettern. An dieser Stelle sei auf die neuesten Forschungsergebnisse des DAV-Sicherheitskreises verwiesen (siehe Veröffentlichung in DAV Panorama, Nr. 5/2002, S. 59 ff.).

Während der Seillänge sollte ein Kletterer auch dort Zwischensicherungen anbringen. wo das Gelände leicht erscheint. Man muss berücksichtigen, dass im alpinen Gelände Steinschlag, Griffausbrüche, etc. jederzeit einen unkontrollierbaren Sturz herbeiführen können. Die Zwischensicherungen sind an strategisch wichtigen Stellen (z.B. dort, wo ein Sturz zu einem Aufschlag auf Felsbänder o.ä. führen würde) zu setzen. Zum Einhängen des Seils empfehlen sich Expressschlingen. Um die Seilreibung zu reduzieren sowie einem Karabiner-bruch auf Grund einer Querbelastung oder Belastung über Felskanten, etc. vorzubeugen, sollten unterschiedliche Längen mitgeführt werden. Gegebenenfalls sind die Expressschlingen mit Bandschlingen zu verlängern.

Als Seile finden Einfachseile, Zwillingseile oder Halbseile Verwendung. Bei der Benutzung von Einfachseilen ist zu beachten, dass für Abseilmanöver nur die Hälfte der Seillänge zur Verfügung steht. Bei längeren, schwierigen Touren sollte die Seilschaft deshalb Zwillingseile oder Halbseile wählen. Zwillingseile dürfen ausschließlich im Doppelstrang verwendet werden. Bei einer Dreierseilschaft sind deshalb Halbseile vorzuziehen, da diese ein Nachsteigen an jeweils einem Strang zulassen. Dies erspart das Einbinden der Nachsteiger mittels Seilweiche, was sich in der Praxis häufig als hinderlich erwiesen hat. Der Vorsteiger muss jedoch an beiden Strängen über die HMS gesichert werden. Zum Sichern der Nachsteiger empfiehlt sich die Verwendung einer Sicherungsplatte, die ein getrenntes Nachsichern ermöglicht und bei Zug automatisch blockiert. Es ist jedoch zu beachten, dass die Sicherungsplatte ein Nachgeben des Seils nicht ermöglicht.

Die Seilführung ist so zu wählen, dass die Seile bei einem Sturz nicht über eine Felskante belastet werden, da sie sonst reißen können. Die Verwendung von Halb- oder Zwillingseilen trägt zur Reduzierung dieser Gefahr bei.

Rückzug/ Abseilen
Ist die Seilschaft auf Grund besonderer Umstände zu einem Rückzug gezwungen, so erfolgt dieser regelmäßig durch Abseilen über die Route. Ein Abseilen kann aber auch planmäßig erfolgen, wenn es keine leichten Abstiegsmöglichkeiten gibt oder wenn die Tour selbst Abseilstellen aufweist.

Zum Abseilen müssen Fixpunkte (Abseilstellen) vorhanden sein oder geschaffen werden. Der Ausbruch eines Fixpunktes führt sofort zum Absturz, weshalb seiner Festigkeit besondere Aufmerksamkeit zu widmen ist. Die Belastung der Fixpunkte erreicht etwa das zwei- bis dreifache Körpergewicht des Abseilenden. Gegebenenfalls sind zwei oder mehr Fixpunkte zu schaffen und so zu verbinden, dass einerseits eine Kräfteverteilung erfolgt und andererseits der Ausbruch eines Fixpunktes nicht zum Durchrutschen des Seiles und somit zum Absturz führen kann.

Vorhandenes Material ist genau zu prüfen und im Zweifel zu ersetzen. Dies gilt insbesondere für vorhandene Reepschnüre oder Bandschlingen, denen das Abziehen des Seiles oder die UV-Strahlung unter Umständen bereits stark zugesetzt hat. Für solche Fälle sollte der Kletterer stets Material mitführen.

Das Abseilen erfolgt über ein geeignetes Bremsgerät (z.B. Abseilachter) und einer Selbstsicherung mittels Kurzprusik. Die Enden des Seiles sind mit einem Sackstich zu verknoten, damit nicht versehentlich über das Ende hinaus abgeseilt wird. Es darf sich immer nur eine Person abseilen. Das Abseilen sollte langsam und nicht ruckartig erfolgen.

Keinesfalls sollte in überhängendes Gelände abgeseilt werden. Der zuerst Abseilende richtet nach Erreichen des Seilendes eine neue Abseilstelle ein, sichert sich an dieser und klinkt den Abseilachter aus. Nun kann der nächste Kletterer folgen. Es ist darauf zu achten, dass stets alle Kletterer über eine Selbstsicherung an den Abseilstellen verfügen. Bevor der letzte Kletterer den Abseilvorgang beginnt, ist sicherzustellen, dass sich das Seil von unten abziehen lässt. Um Zeit zu sparen, kann das Seil bereits beim Abziehen durch die nächste Abseilstelle gefädelt werden (Achtung: Kein Ziehen des Seiles über unter Belastung stehende Seile, Reepschnüre und Bandschlingen: Sägeeffekt!).

Ausblick
Mit der Wahl der richtigen Ausrüstung und deren fachgerechtem Einsatz unter Berücksichtigung des individuellen Gefahrenpotenzials einer jeden Route können wir das grundsätzlich nicht unerhebliche Risiko beim Alpinklettern deutlich verringern.
Deshalb sei jedem angehenden Kletterer dringend geraten, sich die notwendigen Fertigkeiten und Kenntnisse beim Besuch eines entsprechenden Ausbildungskurses vermitteln zu lassen. Die Sektion Hameln bietet jedes Jahr einen Grundkurs Felsklettern alpin an, zu dem der Autor alle am Alpinklettern interessierten Mitglieder hiermit herzlich einlädt.


Deutscher Alpenverein Sektion Hameln
Fuhlenbreite 8
31789 Hameln

Telefon 05151-9964723
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