Im Steileis unterwegs


Die Begehung der großen klassischen Eiswände und –flanken in den Ost- sowie Westalpen (Foto links: Die Nordwand der Courtes im Montblanc-Gebiet)zählt seit je her zu den besonderen Erlebnissen aber auch zu den besonderen Anforderungen an die Ausdauerleistungsfähigkeit eines Alpinisten. In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Begehung von steilen Eiscouloirs und Mixedrouten zunehmend an Beliebtheit gewonnen. Darüber hinaus verlangen die meisten Hochtouren die Überwindung mehr oder weniger steiler Eispassagen. Jedoch verlaufen nicht alle Begegnungen mit der steilen, gefrorenen Materie reibungslos:

Eine Zweierseilschaft wollte die Triolet-Nordwand (Montblanc-Gruppe) durchsteigen. In einer Wandhöhe von ca. 400 m war der Vorsteiger beinahe die volle Seillänge ohne Zwischensicherung ausgegangen, als er plötzlich das Gleichgewicht verlor und stürzte. Er berichtete später: "Ich stürzte auf dem Rücken die Eiswand hinab und sah, wie die beiden Seile in eine Firnrippe einschnitten und so eine Schneefahne gegen den blauen Himmel emporwarfen ... Bis zum Straffen der Seile hatte ich eine Sturzhöhe von etwa 70 m zur Verfügung. Ich rechnete, das kann ich versichern, mit der gütigen Hand des Partners bzw. des Himmels ... Als ich dann den Ruck der Seile wie ein sanftes Zupfen am Hemd spürte, wurde mir klar, dass ich endgültig dem Abgrund zuraste." Die Seilschaft stürzte bis auf den Argentiéregletscher. Der Vorsteiger überlebte den Sturz, sein Seilpartner nicht.

Bei der Besteigung des Großglockners auf dem Normalweg muss man über einen 35° steilen Firn- bzw. Eishang ("Glocknerleitl") zu den ersten Felsen aufsteigen. Eine Viererseilschaft wollte diese Passage gleichzeitig am Seil gehend überwinden. Als ein Seilschaftsmitglied plötzlich ausrutschte und den Hang hinabrutschte, riss es die Kameraden wie vom Katapult geschossen hinter sich her. Die gesamte Seilschaft konnte nur noch tot geborgen werden.
(Beispiele aus Schubert, Pit: Sicherheit und Risiko in Fels und Eis, 2. Auflage, München 1995)

Die Liste solcher Beispiele ist groß.  Sie zeigt deutlich, dass es im steiler werdenden Eis ratsam ist, bestimmte Sicherungsregeln zu beachten. Dabei ist je nach Steilheit, Eisbeschaffenheit und sonstigen Faktoren (Länge der Tour, Verfassung der Seilschaft, ...) eine Variation zwischen verschiedenen Sicherungsmethoden nötig. Eine konsequente Sicherung von Standplatz zu Standplatz auch in flacheren Passagen mindert zwar das Absturzrisiko, jedoch kann diese Sicherungsmethode auf langen Touren zu einem gewaltigen Zeitaufwand und damit einer Erhöhung anderer Risiken (Wetter, Dunkelheit,...) führen. Da stellt sich schließlich die Frage, wann sichert man wie?

In weniger steilem Gelände (bis ca. 40°), wo das Ausgleiten eines Einzelnen nicht unweigerlich zum Absturz führt (eine Mitreißgefahr besteht ab einer Hangneigung von ca. 30°) , sondern mit dem Einsatz von Bremstechniken zum Stillstand gebracht werden kann, empfiehlt es sich, auf eine Seilsicherung ganz zu verzichten. Damit wird die Mitreißgefahr  erheblich gemindert. Es gibt jedoch Situationen, die zum Einsatz des Seiles zwingen. Dies ist auf schneebedeckten Gletschern (Spalten) und bei Touren, deren Schwierigkeiten mangels technischer Fertigkeiten nicht von allen Teilnehmern seilfrei gemeistert werden können, der Fall. In solchen Fällen kann ein Seilschaftsmitglied (der Führer) vorsteigen, einen Fixpunkt schaffen und die anderen Teilnehmer am Fixseil nachsteigen lassen. Der Aufstieg am Fixseil erfolgt mit Hilfe eines Prusikknotens, einer Bandschlinge mit Karabiner oder einer Steigklemme bzw. einer ähnlichen Seilbremse (z.B. "Ropeman", "t-bloc"). Das letzte Seilschaftsmitglied kann einzeln mit der Halbmastwurfsicherung (HMS) nachgesichert werden.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass der Führer voraussteigt, einen Fixpunkt (i.d.R. Eisschraube) schafft, an diesem eine Seilbremse (z.B. "Ropeman", "t-bloc") befestigt und das Seil durch die Bremse laufen lässt. Zwischen Führer und Nachfolgern besteht ein größerer Abstand. Sie bewegen sich gleichzeitig am Seil. Sollte nun einer der Nachfolger stürzen, so blockiert die Bremse. Es kommt nicht zu einem Absturz. Der Führer allerdings sollte bei dieser Technik nicht stürzen, denn die Belastung wird wahrscheinlich zum Bruch der Bremse führen. Wenn die Nachfolgenden den Fixpunkt mit der Bremse erreicht haben, richtet der Seilschaftsführer wie oben beschrieben einen neuen Bremspunkt ein. Die Nachfolgenden können nun den Fixpunkt entfernen. Die Seilschaft bewegt sich anschließend weiter.

ACHTUNG! Im Abstieg funktioniert diese Methode nicht, daher ist nur die Sicherung am gelegten Fixseil am besten mit Selbstsicherung durch Prusik oder Karabiner und Bandschlinge möglich. Eine Selbstsicherung durch Steigklemme o. ä. scheidet aufgrund der einseitigen Bremsrichtung aus.

Im steileren Gelände (ab ca. 40°) empfiehlt sich die Sicherung von Standplatz zu Standplatz. Die Seilschaft besteht dabei aus max. 3 Personen. Als Fixpunkte für den Standplatz dienen mindestens 2 Eisschrauben, die mit einer Bandschlinge (1,20 m) zu einer (abgebundenen) Ausgleichsverankerung ("Kräftedreieck") verbunden werden. Es ist zu empfehlen, die Bandschlinge bereits zu Beginn der Tour vorzubereiten (abknoten, Karabiner einhängen). Eine vorbereitete Schlinge erspart nämlich viel Zeit beim Standplatzbau. Vorm Setzen der Eisschrauben ist darauf zu achten, dass morsche Oberflächeneis ausreichend wegzuhacken. Um einen möglichst kleinen Winkel für das Kräftedreieck zu gewährleisten, sind die Schrauben vertikal versetzt anzubringen, wobei der Mindestabstand 50 cm betragen soll. Gesichert wird -wie beim alpinen Felsklettern- mit der HMS über den Zentralpunkt.

Sicherung von Standplatz zu Standplatz
Der Vorsteiger sollte nicht in der Falllinie des Sichernden aufsteigen (das mindert Gefahren für diesen: Kollisionsgefahr beim Sturz, Eisschlaggefahr) und mindestens nach 5-10 m sowie in der Mitte der Seillänge eine Zwischensicherung anbringen. Dies trägt zu einer erheblichen Minderung des Absturzrisikos bei. In Couloirs lassen sich oft auch an deren Rändern gute Stände bzw. Zwischensicherungen im Fels anbringen. Es ist daher ratsam, Klemmkeile, Klemmgeräte oder Haken in solche Routen mitzunehmen.

Der Rückzug aus steilem Eis erfolgt i.d.R. durch Abseilen. Als Fixpunkte dienen dazu entweder die "Abalakow-Eissanduhr" (siehe unten) oder die "selbstdrehende Schraube". Ist vor dem steilen Eis eine ebene Fläche (z.B. beim Abseilen in oder über Gletscherspalten) kommt auch die Eisbirne als Fixpunkt in Frage.


Rückzug im steilen Eis durch Abseilen über den Bergschrund
Empfehlenswert ist der Einsatz der Abalakow-Eissanduhr. Diese lässt sich verhältnismäßig einfach bzw. schnell bauen und besitzt –gute Eisqualität vorausgesetzt-  hohe Haltekräfte. So hat der Autor einen Rückzug aus der Messnerführe der Domino-Nordwand (Montblanc-Gebiet) weitestgehend mit Eissanduhren problemlos durchführen können. Beim Bau einer Eissanduhr sind mit einer Eisschraube zwei Kanäle schräg ins Eis zu bohren, so dass diese sich innen treffen. Der Abstand der Eindrehpunkte  soll mindestens 10, besser 15 cm betragen. Durch den Kanal wird dann eine Reepschnur gefädelt und vorn zu einer Schlinge zusammengeknotet. Durch diese Schlinge wird das Seil gefädelt. Beim Durchfädeln der Reepschnur kann ein Hakendraht gute Dienste leisten.

Bau der Abalakow-Sanduhr










Bei der Betätigung im Steileis ist den objektiven Gefahren besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Infolge der globalen Erwärmung sind viele der klassischen Eiswände stark ausgeapert und nur noch im Winter oder Frühjahr zu begehen, will man sich nicht einer hohen Steinschlaggefahr aussetzen. Die Steinschlaggefahr in Eiswänden und -couloirs hängt von der Schnee-/Eisauflage, welche durch die Niederschlagsmenge der vorausgegangenen Perioden bestimmt wird, und den momentanen Temperaturen ab. Eine Beurteilung der Steinschlaggefahr erfordert eine gehörige Portion Erfahrung. Als Grundregel gilt: Liegt die Nullgradgrenze höher als der Gipfel, ist Vorsicht geboten! Im Zweifel sollten wir Fachleute wie Bergführer, Fachübungsleiter oder Hüttenwirte um Auskunft bitten. Will man sich eine Enttäuschung nach einem langen Zustieg ersparen, sollte man sich bereits im Tal oder auf der Hütte erkundigen. Eisschlaggefahr besteht unter Gletscherabbrüchen und Hängegletschern. Das Abbrechen ("Kalben") von Gletschern lässt sich im voraus kaum berechnen. So ist beispielsweise die Ortler-Nordwand grundsätzlich vom Kalben des Oberen Ortlerferners bedroht, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses gering ist. Obwohl Eisschlag zu jeder Jahreszeit auftreten kann, gilt auch hier die Regel: Mit zunehmender Erwärmung steigt die Eisschlaggefahr. Entgegen einer vielfach verbreiteten Auffassung können Lawinen auch im Sommer die Bergsteiger bei ihren Aktivitäten bedrohen. Die Einschätzung der Lawinengefahr ist ein besonders komplexes Thema. Folgende Hinweise sind nur ein kleiner Ausschnitt aus diesem Thema: Vorsicht ist nach Neuschneefällen mit Windeinwirkung geboten. Solange sich die Flanken nach Neuschneefällen noch von selbst entladen, ist an eine Begehung überhaupt nicht zu denken. Wenn sich bei Neuschneeauflage in den Eisflanken die  Steigeisen nur mit Kraftaufwand bis zur Eisauflage durchdrücken lassen, besteht die Gefahr des Abgleitens der gesamten Schneedecke. Bei zunehmender Tageserwärmung erhöht sich die Lawinengefahr. Günstig sind dagegen niedrige Temperaturen (je kälter die Nächte, umso besser). Ein früher Aufbruch ist deshalb immer anzuraten. Wenn die Schneeauflage der Eisflanken gefroren ist, besteht grundsätzlich nur eine geringe Gefahr. Vorsicht ist aber geboten, wenn die tragfähige, gefrorene Schicht dünn ist.

Zusammenfassung
- Im weniger steilen Gelände entweder seilfrei gehen oder Fixseil bzw. Seilbremse verwenden!
- Im steilen Gelände erfolgt die Sicherung wie beim Felsklettern von Standplatz zu Standplatz!
- Niedrige Temperaturen vermindern die objektiven Gefahren bei Eistouren. Deshalb immer früh aufbrechen!